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Die Regelecke

Die Regelecke ist eine regelmäßig in der Zeitschrift 'Jugend-Schach' erscheinende Kolumne, in der ausgewählte Regelfragen diskutiert und Leserfragen beantwortet werden. Autor ist ISR Klaus Deventer (Hamm). Der Inhalt der Beiträge ist mit der Schiedsrichter-Kommission des DSB nicht abgestimmt und gibt deshalb die Privatauffassung des Autors wieder.

Mit der nachfolgenden Tabelle, die laufend erweitert wird, können die Beiträge inhaltlich erschlossen werden:

Nr. 37: Überblick über die neuen FIDE-Regeln (1.7.2009)

Die erste Regelecke nach der Schacholympiade hätte eine Nachlese werden können, falls es dort zu spannenden Protestfällen gekommen wäre. Hätte, wäre … es gibt nichts, was ich berichten könnte. Über das Verbot, vor dem 30. Zug Remis anzubieten, war vorher viel zu lesen, die Umsetzung im Turnier gelang ohne Probleme. Für mehr Zündstoff sorgte die Abschaffung der Wartezeit. Die Spieler hatten sich eigentlich schnell daran gewöhnt, dass sie pünktlich am Brett sein müssen und so kam es nur in Einzelfällen deshalb zu kampflosen Punkten. Umso verbissener wurde hinter den Kulissen darum gerungen, ob diese Regel einmaliges Experiment bleiben oder generell eingeführt werden soll.

Damit bin ich beim Thema der heutigen Regelecke. Der Weltschachbund FIDE überarbeitet alle vier Jahre seine Regeln. In Dresden war es wieder so weit, der an Rande der Schacholympiade tagende FIDE-Kongress beschloss die neuen ab dem 1. Juli 2009 geltenden „laws of chess“. Leider konnte man sich in zwei Punkten nicht einigen. Statt nun eine Mehrheitsentscheidung zu fassen, was ja wohl ein ganz normaler demokratischer Vorgang gewesen wäre, überlies man die Entscheidung dem Presidential Board der FIDE, welches nun voraussichtlich in den nächsten Wochen beschließen wird, was gelten soll. Einmal geht es dabei immer noch um die Wartezeit. Zwei Modelle stehen zur Wahl: Die Wartezeit „Null“, erprobt in der Schacholympiade, verlangt von allen Spielern die Anwesenheit am Brett zu Spielbeginn. Wer nicht da ist, verliert. Dieser Vorschlag wird u. a. unterstützt vom FIDE-Präsidenten Iljumschinov und vom Olympia-Hauptschiedsrichter Leong. Andere, darunter FIDE-Vizepräsident Makropoulos, befürworten eine Abkürzung der bisher einstündigen Wartezeit auf 15 Minuten. Nach beiden Modellen kann – wie schon bisher - die Turnierausschreibung etwas anderes vorsehen, weshalb mich die Verbissenheit, mit der diese Diskussion geführt wird, überrascht hat.

Offen bis zu einer Entscheidung durch das Presidential Board ist auch noch, ob in einem „Anhang G“ zu den FIDE-Regeln erstmals offizielle Regeln zum „Schach 960“ (Fischer-Random-Chess) erlassen werden, welches sich ja auch hierzulande einiger Beliebtheit erfreut. Gestritten wird hier um die schachpolitische Frage, ob diese Schach-Abart gefördert oder ignoriert werden sollte.

Einiges hat der FIDE-Kongress aber auch selbst entschieden. Zunächst gibt es jede Menge redaktionelle Änderungen in die FIDE-Regeln einzuarbeiten, die inhaltlich rein gar nichts geändert haben, die man aber dennoch irgendwie für erforderlich hielt. Die materiellen Änderungen sind zahlenmäßig überschaubar und überwiegend von eher untergeordneter Bedeutung.

Ergänzt wurden die Regeln (Artikel 6.11 b) um eine Bestimmung, was zu geschehen hat, falls während der Partie festgestellt, dass die Schachuhr bei Partiebeginn falsch eingestellt war. Die Spieler oder der Schiedsrichter halten in diesem Fall die Uhr an und der Fehler wird korrigiert, wobei die neue Zeiteinstellung nach bestem Ermessen des Schiedsrichters erfolgt. Eigentlich ist auch das nicht wirklich neu.

Neu, aber bei der Dresdner Olympiade und einigen anderen Turnieren (z.B. Sofia) bereits praktiziert, ist eine in Art. 9.1 a) aufgenommene Öffnungsklausel, nach der Turnierausschreibungen vorsehen können, dass Remis ohne Zustimmung des Schiedsrichters erst ab einem bestimmten Zug oder gar nicht angeboten werden darf.

Geändert wurde Artikel 9.4. Bisher verlor ein Spieler das Recht, dreimalige Stellungswiederholung oder nach der 50-Züge-Regel zu reklamieren, sobald er einen Zug machte, also die gezogene Figur auf dem Zielfeld losließ. Nunmehr genügt es für den Verlust des Reklamationsrechts, dass er eine Figur berührt. Mich macht diese Änderung richtig sauer. In der Regelkommission wurde ein ganz anderer Vorschlag, nämlich Verlust des Reklamationsrechts sogar erst nach Drücken der Uhr, diskutiert und mehrheitlich abgelehnt. Die jetzt veröffentlichte Regeländerung war von der zuständigen Kommission niemals beabsichtigt und es stellt sich die Frage, wie der Vorschlag in die Schlussfassung geriet. Vor allem ist die Zeitspanne, innerhalb derer reklamiert werden darf, reine Definitionssache, logisch ableiten lässt sich keine der möglichen Lösungen. Dann ist aber jede Änderung willkürlich, nur dazu geschaffen die Spieler zu verwirren.

Entschieden wurde eine alte Streitfrage. Die bisherige Fassung des Art. 9.5 ließ die Auslegung zu, dass eine Remisreklamation nur dann zulässig ist, wenn der reklamierende Spieler die Uhr anhält. Ich habe das noch nie für richtig gehalten, aber es gab gewichtige andere Auffassungen. Nunmehr wurde klargestellt, dass der Spieler die Uhr anhalten darf (aber nicht muss). Das gleiche gilt auch für die Reklamation nach Art. 10.2.

Bei der Frage, welche Folgen eintreten, wenn ein Spieler zu Unrecht Remis reklamiert, kennt der Erfindungsreichtum der FIDE keine Grenzen; vermutlich ist keine Bestimmung derart oft geändert worden, wie Art. 9.5 b). Nach dem noch aktuellen Regelstand bekommt der Gegner drei Minuten, zugleich werden dem Reklamierenden nach einem komplizierten Schlüssel, abhängig von der ihm verbleibenden Bedenkzeit, null bis drei Minuten abgezogen. Ab dem 1.07.2009 bleibt es zwar bei der dreiminütigen Zeitgutschrift für den Gegner, die Bedenkzeit des Reklamierenden wird aber nicht reduziert, er kann also gefahrlos in jeder Partiephase Remis beanspruchen.

Die berühmt-berüchtigte „Handy-Regel“ wurde überarbeitet. Sie findet sich jetzt in Art. 12.3 b). Ich versuche einmal eine noch inoffizielle Übersetzung: „Ohne Genehmigung des Schiedsrichters ist es einem Spieler untersagt, ein Mobiltelefon oder ein anderes elektronisches Kommunikationsmittel innerhalb des Turnierareals zu besitzen, es sei denn, dieses ist vollständig ausgeschaltet. Falls ein solches Gerät ein Geräusch verursacht, hat der Spieler die Partie verloren. Der Gegner gewinnt. Das Ergebnis ist jedoch Remis, falls es dem Gegner nicht möglich ist, durch eine beliebige Folge von regelgemäßen Zügen zu gewinnen.“ Das klingelnde Handy im Turniersaal verliert also weiterhin, ohne dass dem Schiedsrichter ein Ermessen eingeräumt wäre. Neu ist, dass das Handy mitgenommen werden darf, es muss eben nur vollständig ausgeschaltet sein. Klargestellt wurde, dass nicht nur das Klingeln, sondern jedes vom Handy (oder einem anderen elektronischen Kommunikationsmittel) verursachte Geräusch zum Verlust führt. Ganz wichtig ist, dass das Ergebnis des Gegners nicht mehr – wie bisher – vom Schiedsrichter bestimmt wird. Nach einigen sonderbaren Entscheidungen von Schiedsgerichten hat die FIDE es offenbar – wie ich meine zu Recht – für besser gehalten, zu bestimmen, dass der Gegner immer gewinnt, wenn er nicht gerade nur noch einen blanken König besitzt.

Neu ist in Art. 12.3 c) ein Rauchverbot außerhalb der Raucherzone. Verboten ist es nun nach Art. 12.6, eine Lärmquelle („source of noise“) in den Spielbereich mitzubringen. In Dresden wurde heißt diskutiert, ob das Baby einer afrikanischen Spielerin, die zu den Runden mit Kinderwagen erschien, darunter fällt.

Für das Schnellschach und das Blitzschach (nunmehr Anhänge A und B, der bisherige Anhang A – Hängepartien – wurde zum Anhang F „degradiert“) wurde bestimmt, dass – mit Ausnahme der Notationspflicht - die allgemeinen Turnierregeln gelten, wenn gewährleistet ist, dass die Partien von einer ausreichenden Zahl von Schiedsrichtern (Schnellschach: 3 Partien – ein SR, Blitzschach pro Partie ein SR) überwacht werden. Geschaffen wurde die Bestimmung in erster Linie für die Entscheidungspartien (Tie-Breaks) bei den Welt- und Europameisterschaften. Sonst wenig Neues. Die umstrittene Frage, ob der Schiedsrichter von sich aus auf Remis entscheidet, sobald beide Blättchen gefallen sind oder die Partie laufen lassen muss, bis einer der Spieler es bemerkt, ist nunmehr geregelt: Der Schiedsrichter darf eingreifen, muss es aber nicht (etwa wenn er gar nicht in der Nähe ist und es deshalb nicht bemerkt). Eine interessante Ergänzung (Anhang B 3 c) ist noch für das Blitzschach zu berichten. Ein regelwidriger Zug kann (nur) von den beiden Spielern – und nur einvernehmlich - korrigiert werden.

Mit diesem Beitrag beende ich endgültig die Berichterstattung rund um die Schacholympiade und den FIDE-Kongress. Ab der nächsten Ausgabe der Regelecke werden nunmehr wieder Leseranfragen beantwortet und dabei die aufgelaufenen Rückstände abgearbeitet.

Auf neue Regelfragen wartend grüßt Euch Euer Klaus Deventer

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Nr. 12: Größe der Bretter und Figuren; Spielen unter Protest

Heute möchte ich zwei kurze Leserfragen beantworten:

1. Peter Binner aus Mainz fragt: „Hallo Schachfreunde, gibt es von der FIDE bzw. auf DSB- Ebene Vorschriften in Bezug auf die Größe der zu verwendenden Bretter und Figuren?“

Lieber Schachfreund Binner, es gibt sie, die Vorschriften. Auf DSB-Ebene allerdings nicht für alle Meisterschaften, sondern nur für die 1. Bundesliga, die sich im Wesentlichen selbst verwaltet. Der dafür zuständige Bundesliga-Ausschuss hat mit viel Liebe zum Detail eine „Turnierordnung der 1. Bundesliga“ erlassen, in der unter B-12.3 die „Standards für Bundesligakämpfe“ definiert werden. Es finden sich dort etwa – um nur einige Beispiele zu nennen - Vorschriften über die Bewirtung, die Beleuchtung, das Schiedsrichtermobiliar, das Raumklima und eben auch über das Spielmaterial. Zum Schachbrett heißt es: „Die Feldgröße soll 58 mm betragen.“ Die Königshöhe wird auf 9,5 cm (Staunton-Form) festgesetzt. Auch insoweit handelt es sich aber um eine Soll-Vorschrift; geringfügige Abweichungen dürften daher unschädlich sein.

Auch die FIDE hat Vorschriften über das Schachmaterial erlassen. Sie finden sich im Abschnitt C.02 des FIDE-Handbuchs, das ist so etwas wie die offizielle „Gesetzessammlung“ der FIDE. Darin wird empfohlen, dass die Feldgröße 5,0 bis 6,5 cm betragen soll. Für den Juristen eine Herausforderung ist die weitere Aussage, dass die Größe des Schachbretts dergestalt sein muss, dass die Figuren auf ihren Feldern weder zu dicht aufeinander gedrängt erscheinen, noch zu vereinzelt. Die Königshöhe wird mit 8,5 bis 10,5 cm definiert. Der Durchmesser des Figurensockels soll dabei 40-50% der Königshöhe betragen. Alles klar?

2. H.G. Strasser aus Sangerhausen schreibt: „Während eines Mannschaftswettkampfes reklamierte ein Spieler des Gastes beim Schieri auf Anwendung der FIDE Regeln Artikel 5.3.d und 9.2. Auf dem Spielberichtsbogen steht, dass nach der Entscheidung des Schieri die Partie fortgesetzt wurde. Weitere Erläuterungen zum Streitfall sind nicht vermerkt. Die Schieri-Entscheidung war falsch. Gegen diese Entscheidung wendet sich der Protest des Antragstellers. Auf dem Spielberichtsbogen vom Antragsteller erfolgte keine Ankündigung eines Protestes. Hätte dies vor Ort und auf dem Spielberichtsbogen geschehen müssen?“

Lieber Schachfreund Strasser, über Proteste habe ich bereits in meiner Regelecke (3) geschrieben. Eine besonders wichtige Aussage möchte ich noch einmal in Erinnerung rufen: Das Verfahren bei Protesten ist immer in den Spiel- oder Turnierordnungen der jeweils zuständigen Ebene geregelt. Deshalb kann man dazu keine allgemein-gültigen Aussagen treffen. Allerdings kenne ich keine Turnierordnung, die ausdrücklich bestimmt, dass Protest nur einlegen darf, wer dies zuvor auf dem Spielbericht vermerkt hat. Im Allgemeinen sind einfach nur bestimmte Fristen zu wahren.

Damit habe ich im Prinzip die Frage auch schon beantwortet. Schreibt die Turnierordnung nicht ausdrücklich etwas anderes vor, darf innerhalb der vorgeschriebenen Fristen ohne weiteres Protest eingelegt werden. Der Spieler oder seine Mannschaft muss nicht schon am Spieltag erkennen lassen, ob Protest einlegt werden soll. Die weit verbreitete Praxis, auf eine unliebsame Schiedsrichterentscheidung lauthals zu verkünden, man spiele ab sofort nur noch unter Protest weiter, hat also keinen rechtlichen Hintergrund, sollte allerdings den Schiedsrichter veranlassen, einen ausführlichen Spielbericht zu erstatten.

Zum geschilderten Fall ist noch zu ergänzen, dass nach Artikel 9.5 a) der FIDE-Regeln die Partie sofort Remis ist, wenn sich die Reklamation wegen dreimaliger Stellungswiederholung als berechtigt erweist. Wird aufgrund einer Fehlentscheidung des Schiedsrichters die Partie gleichwohl fortgesetzt, geschahen die nachfolgenden Züge somit in einer bereits beendeten Partie. Ich kann keinen Grund erkennen, weshalb eine Protestinstanz dies nicht nachträglich korrigieren sollte.

Auf neue Regelfragen wartend grüßt Euch Euer Klaus Deventer

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Nr. 11: Die neuen FIDE-Regeln (1.7.2005), Handyklingeln, Verbot der Voraus-Notation [Fideregel: 12.2 b; 8.1]

Aller Anfang ist schwer! Womit soll man eine neue Regelecke eröffnen? Künftig sollen natürlich Regelfragen der Leser diskutiert werden. Die liegen natürlich heute noch nicht vor. Ich habe mich daher entschlossen, in meinem ersten Beitrag kurz die wichtigsten Neuerungen in den FIDE-Regeln vorzustellen und hoffe, dass damit das Interesse an den angeblich trockenen Regeln geweckt wird. Zuschriften, Beiträge und Fragen bitte ich, an die Redaktion zu senden oder mir per E-Mail – kfdeventer@tiscali.de - direkt zu schicken.

Alle vier Jahre berät der Weltschachbund FIDE über die Schachregeln und prüft, ob Änderungen und Verbesserungen notwendig geworden sind. Vergangenen Herbst war es wieder soweit: Sechs Stunden hat die Regelkommission der FIDE gefeilt, geprüft und formuliert. Herausgekommen sind die neuen Regeln, gültig ab dem 1. Juli 2005. Natürlich hat das Schachbrett weiterhin 64 Felder und der Läufer zieht immer noch diagonal.

Geändert wurden ganz überwiegend Kleinigkeiten, die keine große praktische Bedeutung haben und eher etwas für Regelfüchse sind. So wurde jetzt klarstellend in die Regeln aufgenommen, dass der König nicht geschlagen werden darf. Bei der Bauernumwandlung gilt jetzt die „Berührt-Geführt-Regel“, sobald die neue Figur das Umwandlungsfeld berührt hat.

Wirklich wichtig sind vor allem zwei Änderungen, von denen eine nicht einmal richtig neu ist:

Die Bestimmung, dass ein Spieler, dessen Handy während der Partie klingelt, die Partie verliert, ist jetzt ausdrücklich in die Regeln aufgenommen worden. Dies galt zwar bisher schon, beruhte bis jetzt aber auf einer bloßen Regelauslegung (Verbot, den Gegner zu stören). Übrigens: Auch wenn das Handy am Getränkestand, in der Raucherecke oder gar auf der Toilette klingelt – die Partie ist verloren! Zugegeben, eine sehr harte Strafe, aber es war einfach nervtötend, alle zwei Minuten im Turniersaal sich an einem neuen Klingelton „erfreuen“ zu dürfen. Seit es vor zwei Jahren keinen geringeren, als den damaligen Weltmeister Ponormarjov erwischt hat, ist wieder Ruhe in die Turniersäle eingekehrt und das ist gut so!

Es geht der FIDE aber nicht nur darum, Störungen zu verhindern. Seit die Elektronik immer kleiner und immer schlauer wird und seit im Internet in Echtzeit Turnierpartien übertragen werden, haben die Betrugsmöglichkeiten enorm zugenommen. Deshalb verbieten die neuen Regeln bereits das Mitbringen von Mobiltelefonen in den Turnierbereich. Das gilt selbst dann, wenn das Gerät abgeschaltet ist. Ein Verstoß dagegen führt zwar – anders als beim klingelnden Handy - nicht ohne weiteres zum Partieverlust, kann aber auch bestraft werden. Deshalb mein dringender Rat: Handys bitte zu Hause oder im Hotelzimmer lassen! Das gilt übrigens auch für Zuschauer, denn nach den neuen Regeln ist auch ihnen verboten, Handy im Turniersaal zu benutzen.

Umstellen müssen sich alle Spielerinnen und Spieler, die sich daran gewöhnt haben, ihren Zug erst aufzuschreiben, um ihn dann vor seiner Ausführung noch einmal gründlich zu prüfen. Das ist ab dem 1.7. verboten – erst muss der Zug aufgeführt werden, dann darf (und muss) er auf dem Notationsformular eingetragen werden. Auch alle Trainer, die ihren Schützlingen das bisher anders beigebracht haben, um sie davon abzuhalten, vorschnell zu ziehen, müssen umdenken. Persönlich halte ich wenig von dieser Neuerung, die damit begründet wurde, dass es schließlich verboten sei, unzulässige Hilfsmittel - dazu zählen auch eigene Notizen – zu verwenden und dass manche Partieformulare nach zahllosen Änderungen eher einem Schlachtfeld ähneln. Sicherlich werden die Schiedsrichter einem Spieler, der dagegen verstößt, nicht gleich den Kopf abreißen. Trotzdem kann es nicht schaden, die Regeln zu kennen und sie einzuhalten.

Klaus Deventer

Internationaler Schiedsrichter

Nr. 10: Bedenkzeit, Fischer-Modus, Bronstein-Modus [Fideregel: 6.2]

In den Schachregeln ist Artikel 6 „Die Schachuhr“ mit 15 Unterpunkten länger, als jeder andere Artikel. Trotzdem gibt es dort keine detaillierten Bestimmungen über die Bedenkzeit für das Turnierschach. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass es verwirrend viele Bedenkzeitvarianten gibt. Was verbirgt sich hinter „Endspurtphase“, „klassischer Bedenkzeit“ und „Fischermodus“? Mit dem heutigen Artikel möchte ich die wichtigsten Grundbegriffe klären. 

Fangen wir mit der klassischen Bedenkzeit an. Die etwas älteren Leser dieser Zeitschrift, die es bestimmt gibt, denken hierbei vielleicht an den legendären WM-Kampf zwischen Bobby Fischer und Boris Spassky 1972 in Reykjavik. Aber erinnert sich noch jemand an die Bedenkzeit, mit der damals gespielt wurde? Ich lobe einfach mal als Preis drei Hefte mit den aktuellen FIDE-Regeln (deutsch/englisch) für die richtige Antwort aus, die ich unter den Einsendern (Lösungen bitte per E-Mail an kfdeventer@tiscali.de) verlosen werde. Auflösung folgt im nächsten Heft. 

Eine offizielle Definition der klassischen Bedenkzeit gibt es nicht. Ich verbinde damit den Abbruch der Partie nach einer bestimmten Gesamtspieldauer (in der Regel sechs bis acht Stunden) und deren Fortsetzung an einem der nächsten Tage. In den FIDE-Regeln gibt es auch heute noch einen Anhang über die sogenannte „Hängepartie“ (Anhang A), in dem genau beschrieben wird, was dabei zu beachten ist. Rein faktisch ist die Hängepartie mausetot; es gibt keine Turniere mehr, die einen Abbruch vorsehen. Der Grund liegt auf der Hand: Die Partie soll am Brett entschieden werden und nicht durch „Fritz“ oder ein anderes spielstarkes Computerprogramm. 

An die Stelle der Hängepartie ist die Endspurtphase (Artikel 10) getreten, in der alle verbleibenden Züge in einer begrenzten Zeit ausgeführt werden müssen. Um zu verhindern, dass sportlich widersinnige Ergebnisse erzielt werden, kann der Schiedsrichter unter bestimmten Voraussetzungen (die ich demnächst näher erläutern werde) die Partie für remis erklären. Heutzutage versteht man unter klassischer Bedenkzeit eine „lange“ Turnierpartie mit anschließender Endspurtphase. Prototyp ist vielleicht die Bundesliga-Bedenkzeit, wie sie bis vorige Saison gegolten hat: 2 Stunden für 40 Züge, eine Stunde für 20 Züge und 30 Minuten für den Rest der Partie pro Spieler, macht zusammen sieben Stunden Gesamtspielzeit. Auch die aktuelle Bedenkzeitregelung in der Bundesliga, nämlich 2 Stunden für 40 Züge und eine Stunde für den Rest der Partie, zählt wohl noch zur klassischen Bedenkzeit. Vorteil der klassischen Bedenkzeit: Die Partien sind in der Regel ausgekämpft. Nachteil: Die Partien dauern relativ lange, Doppelrunden sind ausgeschlossen und irgendwann fehlt am Ende doch die Zeit. 

Mit dem Aufkommen der elektronischen Uhren machen andere Bedenkzeitmodelle der klassischen Bedenkzeit Konkurrenz. Vor allem der Fischer-Modus, benannt nach Bobby Fischer, der ihn – seiner Zeit weit voraus – schon in den 70-er-Jahren vorgeschlagen hatte, erfreut sich wachsender Beliebtheit. Das Grundprinzip ist einfach: für jeden Zug gibt es eine Zeitgutschrift. Vorteil: Die Partie kann zu Ende gespielt werden, ohne dass irgendwann die Zeit zur Neige geht. Nachteil: Es wird eine elektronische Schachuhr benötigt. Der Weltschachbund FIDE und die Europäische Schachunion ECU haben in den letzten Jahren ihre offiziellen Veranstaltungen einschließlich World-Cup und Schach-Olympiade im Fischer-Modus ausgetragen. Dabei galt zunächst für jeden Spieler: 90 Minuten Grundbedenkzeit und 30 Sekunden pro Zug. Erfahrungsgemäß enden dadurch die meisten Partien nach vier, spätestens nach fünf Stunden Gesamtspielzeit. Obwohl nach jedem Zug 30 Sekunden hinzukommen, führt dieser Modus zu einer Dauerzeitnot so etwa ab dem 30. Zug bis zum Ende der Partie und dadurch zu relativ vielen Fehlern vor allem im Endspiel. Viele Spieler klagen darüber, dass es keine Gelegenheit mehr gibt, noch einmal Atem zu schöpfen und gründlich in die Stellung zu schauen. Deshalb hat die FIDE zuletzt diese Bedenkzeit modifiziert: 90 Minuten Grundbedenkzeit, 30 Sekunden pro Zug und nach dem 40. Zug eine einmalige Zeitgutschrift von weiteren 15 Minuten. Ob das hilft, bleibt abzuwarten. 

Eine verschärfte Variante des Fischer-Modus ist der Bronstein-Modus, auch Aufschub-Modus genannt. Der Unterschied liegt darin, dass die Zeitgutschrift für jeden Zug nicht aufgespart werden kann. Wenn beispielsweise für jeden Zug 30 Sekunden gutgeschrieben werden und ein Spieler schon nach 10 Sekunden zieht, hat er nach dem Fischer-Modus 20 Sekunden gewonnen, die ihm für die nächsten Züge erhalten bleiben. Nach dem Bronstein-Modus ist es egal, ob nach 10 oder nach 30 Sekunden gezogen wird, weil die Zeitdifferenz zu den 30 Sekunden verfällt. Ich habe selbst noch keine praktischen Erfahrungen mit diesem Bedenkzeitmodell, es soll aber angeblich im russischen Sprachraum verbreitet sein. 

Die Mehrzahl der Spitzenspieler bevorzugt – soweit ich das überschauen kann – die klassische Bedenkzeit. Ich tippe deshalb darauf, dass sich Mischformen, die die Vorteile der verschiedenen Bedenkzeitenvarianten vereinen, mittelfristig durchsetzen werden. Als Modell könnte die Bedenkzeit dienen, die sowohl bei dem Wettkampf Kramnik-Leko, also auch bei der WM in San Luis galt: 2 Stunden/40 Züge, 1 Stunde/20 Züge, 15 Minuten für den Rest der Partie und 30 Sekunden extra ab dem 61. Zug. Damit eröffnen sich übrigens neue Aufgaben für den Schiri; der muss nämlich aufpassen, dass der Zugzähler der Schachuhr die korrekte Zügezahl aufweist.       

Auf neue Regelfragen wartend grüßt Euch Euer Klaus Deventer(kfdeventer@tiscali.de)

Nr. 9: Berührt-Geführt [Fideregel: 4.4; 7.4]

Vor ein paar Wochen hat mich eine Zuschrift des Lesers Karl Meyer, seit 35 Jahren Leiter der Schachabteilung des MTV 1881 Ingolstadt und seit 25 Jahren in der Jugendarbeit tätig, erreicht. Bei einem Mannschaftskampf in der D-Liga führte sein jugendlicher Gegner (Weiß) im 25. Zug die lange Rochade aus.

Diagramm

Der Zug war natürlich regelwidrig, weil der weiße Turm auf b1 und eben nicht mehr auf seinem Ursprungsfeld a1 stand. Aber was war nun zu tun? Gestritten wurde insbesondere darum, ob Weiß stattdessen kurz rochieren darf (König und der andere Turm hatten noch nicht gezogen). Dies wollte Herr Meyer seinem Gegner eigentlich gestatten, „aber manchmal glauben mir die Jugendlichen auch nichts“, klagt Herr Meyer.

Mal sehen, ob mir die Jugendlichen mehr glauben. Zunächst müssen wir festhalten, dass die nachfolgenden Überlegungen nur für das Turnierschach und das Schnellschach gelten. Beim Blitzschach verliert auf sofortige Reklamation des Gegners ein regelwidriger Zug, falls er nicht vor Drücken der Uhr korrigiert wird. Außerdem müssen wir unterstellen, dass die regelwidrige Rochade wenigstens in der richtigen Reihenfolge ausgeführt, also erst mit dem König und dann mit dem Turm gezogen wurde. Sollte zuerst der Turm auf b1 berührt worden sein, muss dieser auch ziehen. Die FIDE-Regeln bestimmen ausdrücklich: „Wenn ein Spieler absichtlich seinen Turm und danach seinen König berührt, darf er mit diesem Turm … nicht rochieren“ (Art. 4.4 b). Es gilt die „Berührt-Geführt-Regel“.

Unter diesen Voraussetzungen hatte Herr Meyer vollkommen Recht. Die Rochade ist ein Königszug. Da Weiß seinen König absichtlich berührt hatte (um die lange Rochade auszuführen), muss der König ziehen. Weiß hat die Wahl zwischen allen erlaubten Königszügen; dazu gehört auch die – hier mögliche – kurze Rochade. Auch dies ist ausdrücklich geregelt: „Wenn ein Spieler, in der Absicht zu rochieren, seinen König oder seinen König und Turm zugleich berührt, die Rochade aber auf dieser Seite regelwidrig ist, muss er einen anderen regelgemäßen Königszug ausführen, der auch in der Rochade zur anderen Seite bestehen kann.“ (Art. 4.4 c).

Damit sind wir aber noch nicht am Ende unserer Untersuchung. Vorausgesetzt, der regelwidrige Zug war vollständig abgeschlossen, die Uhr des Gegners also gedrückt worden, bestimmt Artikel 7.4, was geschehen muss. Zunächst wird die Uhr angehalten. Dann wird die Stellung vor dem regelwidrigen Zug wiederhergestellt. Jetzt korrigiert der Schiedsrichter „nach bestem Ermessen“ (Art. 6.14) die Uhren; er muss dabei insbesondere berücksichtigen, dass die Uhr des Gegners lief, obwohl kein regelkonformer Zug ausgeführt wurde. Außerdem wird der Spieler, der den regelwidrigen Zug ausgeführt hat, bestraft, indem sein Gegner zwei zusätzliche Minuten Bedenkzeit erhält (der dritte regelwidrige Zug in einer Partie führt sogar zum Partieverlust). Erst jetzt kann es weitergehen; in unserem Fall also mit einem beliebigen (erlaubten) Königszug, der – wie gesagt - auch in der kurzen Rochade bestehen kann.

Auf neue Regelfragen wartend grüßt Euch Euer Klaus Deventer(kfdeventer@tiscali.de)

Nr. 8: Das Remisangebot [Fideregel: 9.1]

Anscheinend hat es im Sommer trotz der neuen FIDE-Regeln keine Streitfälle gegeben, jedenfalls hat mir niemand eine Regelfrage zugeschickt. Muss ich mir halt was ausdenken. Ich habe mir überlegt, ich schreibe mal etwas über das Remisangebot. Langweilig? Na ja, wird aber nicht immer richtig gemacht.

Zunächst einmal: Remis kann man nur während der Partie anbieten. Erst kürzlich haben sich wieder zwei Teilnehmer beim Ramada-Treff-Cup gewundert, wieso der Schiedsrichter sie beide genullt hat, als sie nach einer Stunde noch nicht im Turniersaal erschienen waren. Den Einwand, sie hätten doch schon am Abend zuvor beim Bier Remis vereinbart, hat er zu Recht nicht gelten lassen. Auch wenn die Partie vorbei ist, gilt eine Remisvereinbarung nicht mehr. Ist erst einmal ein Blättchen gefallen und hat der Schiedsrichter das gesehen, ist die Partie durch Zeitüberschreitung verloren, sofern die erforderliche Zahl von Zügen noch nicht ausgeführt war. Vielleicht wäre man ja nach dem Spielverlauf mit einem halben Punkt mehr als zufrieden gewesen. Trotzdem: Die friedliche Punkteteilung geht nachträglich nicht mehr.

Wie man formvollendet Remis anbietet, wird in den Regeln ausdrücklich beschrieben: „Ein Spieler, der Remis anbieten möchte, tut dies, nachdem er einen Zug auf dem Schachbrett ausgeführt und bevor er seine Uhr angehalten und die seines Gegners in Gang gesetzt hat“ (Art. 9.1 a). Die verbreitete Unsitte, Remis anzubieten, während der Gegner am Zug ist (und womöglich gerade an einer komplizierten Variante rechnet), ist also nicht regelgerecht. Dies kann sogar als Störung des Gegners bestraft werden. Der Gegner darf aber, wenn er möchte, auch in diesem Fall das Angebot annehmen.

Oft erlebt man auch Remisangebote von Spielern, die zwar am Zug sind, ihr Angebot aber nicht mit einem Zug – wie in den Regeln beschrieben – verbinden. Das ist besonders unklug. Denn auch ein solches Remisangebot gilt. Es bleibt – wie jedes Remisangebot – so lange gültig, bis der Gegner es annimmt, ablehnt oder selbst eine Figur berührt. Es kann auch nicht mehr zurückgenommen werden. Was macht also der schlaue Gegner in einem solchen Fall? Gar nichts! Er kann in aller Ruhe den nächsten Zug abwarten und wird sich erst dann entscheiden, das immer noch gültige Angebot anzunehmen oder weiterzuspielen.

Ein Remisangebot darf auch nicht mit Bedingungen verknüpft werden. Etwa: „Das Angebot gilt nur 15 Minuten“ oder „Das Angebot gilt nur unter der Bedingung, dass meine Freundin jetzt Zeit für mich hat“. Zugegeben, alberne und wirklichkeitsfremde Beispiele. Immer wieder kommt es aber in Mannschaftskämpfen vor, dass – meistens „eingefädelt von den Mannschaftsführern - etwa verabredet wird, „Ich biete remis, wenn auch Brett 2 remis gibt“. Abgesehen davon, dass solche Partieabsprachen unsportlich und deshalb verboten sind, müssen sich die beteiligten Spieler nicht daran halten. In dem genannten Beispiel kann das angebotene Remis auch dann angenommen werden, wenn an Brett 2 weitergespielt wird.

Was auch viele Profis nicht wissen: Jedes Remisangebot muss auf dem Partieformular notiert werden und zwar mit dem Symbol „=“.

Oftmals hört man, dass nach einem abgelehnten Remisangebot das nächste Angebot vom Gegner kommen muss. Eine derartige Regel gibt es nicht. Allerdings verbieten die Regeln ausdrücklich das ungerechtfertigte Anbieten von Remis (Art. 12.6). Dazu gehört auch das wiederholte Remisangebot innerhalb von wenigen Zügen. Welche Grenzen zu beachten sind, ist Auslegungssache und bestimmt der Schiedsrichter. Beim ersten Verstoß wird er sicher nicht gleich nullen, sondern erst einmal eine Verwarnung aussprechen. Unter starken Spielern gilt übrigens noch die ungeschriebene Regel, dass niemals der schwächer stehende Spieler (etwa bei einem remisverdächtigen Endspiel mit Minusbauern) Remis anbietet und in der Tat die Wiederholung des Angebots vermieden wird.

Wo wir gerade bei ungeschriebenen Gesetzen sind noch ein Letztes: Das „Großmeisterremis“ – also ein Remis nach wenigen Zügen – verstößt zwar nicht gegen die Regeln. Es ist aber auch alles andere als vorbildlich. Und der sogenannte Remiskönig ist keineswegs der Größte, sondern eher ein Hasenfuß!     

Auf neue Regelfragen wartend grüßt Euch Euer Klaus Deventer(kfdeventer@tiscali.de) 

Nr. 7: Neue FIDE-Regeln und Korrekturen durch das Presidential Board der FIDE [Fideregel: 8.1; 8.4 b; Anhang D]

Vor einigen Tagen rief mich aufgeregt ein bayerischer Schachfreund an. Er habe ein Riesenproblem. Nach den neuen FIDE-Regeln sei es doch jetzt verboten, Züge im Voraus aufzuschreiben. Da könne man ja gar nicht mehr remis wegen dreimaliger Stellungswiederholung reklamieren. Dazu sei es bekanntlich erforderlich, den Zug, der die Stellungswiederholung herbeiführt, auf dem Partieformular zu notieren, statt ihn auszuführen.

Meinen Hinweis, dass die spezielleren Regeln (Remisreklamation) den allgemeinen (Notationspflicht) immer vorgehen, so dass selbstverständlich für die Stellungswiederholung alles beim Alten geblieben sei, nahm er mit höflicher Skepsis zur Kenntnis. Wo das denn stehe? Jetzt war ich erst einmal geschlagen, denn die anerkannten Auslegungsregeln der Rechtswissenschaft stehen in juristischen Lehrbüchern, aber jedenfalls nicht in den FIDE-Regeln.

Glücklicherweise hatte ich eine zweite Antwort parat, die dann doch noch zu überzeugen vermocht hat. Das Präsidium der FIDE (presidential board) hat nämlich im Februar 2005 die durch die Generalversammlung im Oktober 2004 verabschiedeten Regeln nochmals überarbeitet und dabei speziell diesen Fall berücksichtigt. In der deutschen Übersetzung lautet die fragliche Bestimmung nunmehr: „Es ist verboten, Züge im Voraus aufzuschreiben, es sei denn, der Spieler reklamiert remis nach Artikel 9.2 oder 9.3.“ In Artikel 9.2 stehen die Regeln über die Remisreklamation wegen dreimaliger Stellungswiederholung, in 9.3 die sog. 50-Züge-Regel.

In Internetforen wird der Deutsche Schachbund dafür gescholten, dass er die – schon wieder – veralteten Regeln veröffentlicht hat. Natürlich müssen stets die aktuellen Regeln bereit stehen und auf der Homepage des DSB wird kurzfristig die allerneueste Übersetzung als pdf-Datei zur Verfügung gestellt. Einen Teil der Schelte verdient aber auch die FIDE. Es darf schon bezweifelt werden, ob das presidential board befugt war, Beschlüsse der Generalversammlung zu ändern. Jedenfalls hätte man erwarten dürfen, dass dies nur in wirklich wichtigen Fällen geschieht. Tatsächlich wurden etliche rein redaktionelle Änderungen, zum Teil reine Geschmacksfragen, vorgenommen. Zumindest hätte man aber als Mitgliedsverband Anspruch auf die Information, an welchen Stellen der Regeln Änderungen erfolgt sind. Die FIDE hat es leider noch nicht einmal für nötig empfunden, darüber zu informieren, dass überhaupt derartige Änderungen beschlossen wurden. Und so kommt es, dass der DSB, der möglichst schnell über die am 1.7.2005 in Kraft getretenen neuen Regeln informieren wollte, damit alle Schachspieler sich rechtzeitig darauf einstellen können, jetzt etwas doof dasteht.

Genug lamentiert, die Leser wollen wahrscheinlich lieber wissen, wo denn nun das presidential board Änderungen vorgenommen hat. Von Bedeutung ist neben der bereits oben erörterten Klarstellung im Wesentlichen die Streichung von Artikel 8.4.b, der erst „in letzter Minute“ von der Generalversammlung eingefügt wurde. Diese Regel betraf das Verbot, Züge paarweise zu notieren und zwar ausschließlich bei Partien im Fischermodus mit mindestens 30 Sekunden zusätzlicher Bedenkzeit pro Zug (sonst besteht eh keine Notationspflicht) und weniger als fünf Minuten Restbedenkzeit auf der Uhr des Gegners. Gut dass diese komplizierte Regel niemals in Kraft getreten ist! Höchst ärgerlich dagegen, dass es das presidential board für richtig gehalten hat, im Anhang D (Endspurtphase ohne Anwesenheit eines Schiedsrichters) eine Passage wieder einzufügen, deren Abschaffung vom DSB ausdrücklich beantragt worden war. Die bereits erledigt geglaubte Streitfrage, ob der Spieler mit weniger als zwei Minuten auf der Uhr wirklich vor seiner Remisreklamation sein Partieformular vervollständigen muss, um geltend machen zu können, sein Gegner habe keine Gewinnversuche unternommen, darf wieder diskutiert werden. Die neue/alte Fassung lautet in der deutschen Übersetzung: „Im Fall b) muss der Spieler die Endstellung aufschreiben und ein  vor dem Ende der Partie komplett ausgefülltes Partieformular abgeben“. Dieses für die Praxis durchaus wichtige Problem kann hier nicht im Detail diskutiert werden; vielleicht komme ich bei Gelegenheit darauf zurück. Ansonsten wurden ganz überwiegend  redaktionelle Korrekturen vorgenommen ohne inhaltliche Änderung. Man kann daher getrost die derzeit erhältliche offizielle deutsche Übersetzung der FIDE-Regeln 2005 verwenden.     

Allen Schülern einen guten Start ins neue Schuljahr wünscht Euch Euer Klaus Deventer(kfdeventer@tiscali.de)

Nr. 6: Mitbringen von Handys in den Turniersaal [Fideregel: 12.2]

Eigentlich hatte ich geglaubt, dass die viel gescholtene Handyregel nicht mehr für Diskussionen sorgen kann. Schließlich hat die FIDE in den neuen, gerade in Kraft getretenen Regeln (Artikel 12.2 b) klar bestimmt: 

„Das Mitbringen von Mobiltelefonen oder anderen elektronischen Kommunikationsmitteln, die nicht vom Schiedsrichter genehmigt wurden, in das Turnierareal ist streng verboten. Falls das Mobiltelefon eines Spielers während der Partie im Turnierareal läutet, hat der Spieler die Partie verloren. Das Ergebnis des Gegners legt der Schiedsrichter fest.“ Findige Geister sind aber offenbar schon auf der Suche nach Schlupflöchern. Dazu hat mit folgende Anfrage erreicht:  

„Hallo Klaus, ist habe gehört, dass man sein Handy auch nach den neuen Regeln weiterhin mitbringen darf, wenn man dafür einen guten Grund hat. Stimmt das?“ 

Nein, das stimmt natürlich nicht. Die Regeln sind ernst gemeint. Sie sollten so gelesen und interpretiert werden: Das Mitbringen von Mobiltelefonen ist streng verboten. Punkt. 

Richtig ist, dass der Schiedsrichter – und nicht der Spieler selbst – Ausnahmen zulassen darf. Dazu muss man ihn zunächst einmal, vor Partiebeginn versteht sich, fragen. Er wird dann in der Regel „Nein“ sagen, denn genau das bekommen die Schiedsrichter in ihren Lehrgängen beigebracht. Ausgangspunkt für die Schaffung eines Entscheidungsspielraums für die Schiedsrichter war die Frage, ob es nicht besondere Fälle gibt, wo jemand auf sein Handy angewiesen ist. In die Diskussion geworfen wurden die Ärzte im Bereitschaftsdienst und die werdenden Väter. Ich halte diese und auch andere Fallbeispiele für an den Haaren herbeigezogen. Was kann man im Mannschaftskampf mit einem Mitspieler anfangen, der womöglich in einer Stunde in den Operationssaal gerufen wird? Und wie viele werdende Väter haben nichts Besseres zu tun, als sich die Wartezeit mit einer Partie Turnierschach zu verkürzen? Bis jetzt hat mir noch niemand ein lebensnahes Beispiel nennen können, das mich zu der Entscheidung bringen könnte, „der Mann“ oder „die Frau“ muss wirklich beim Schach spielen per Handy erreichbar sein. 

Viel gewonnen wäre mit der Erlaubnis des Schiedsrichters sowieso nichts. Natürlich bleibt es dabei, dass das Handy nicht läuten darf, sonst in die Partie weg. Der Schiedsrichter wird in einem derartigen Ausnahmefall den Spieler also verpflichten, alle akustischen Signale auszuschalten, wird es in Verwahrung nehmen und dem Spieler nur gestatten – unter seiner Aufsicht (!) – in gewissen Zeitabständen zu prüfen, ob ein Anruf oder eine SMS eingegangen ist. Unter den Voraussetzungen haben die „Ausreden-Erfinder“ vermutlich eh keine Lust mehr. 

Trotzdem ist es wichtig, dass der Schiedsrichter die Möglichkeit hat, unter bestimmten Voraussetzungen das Mitbringen von Handys in den Turniersaal zu erlauben. Ich denke da an die Sonntagsrunden in der Bundesliga oder allgemein an den letzten Spieltag eines Turniers. Wenn man im Hotelzimmer oder meinetwegen in der Jugendherberge geschlafen hat, muss man vielleicht vorher das Zimmer räumen und das Gepäck mit ins Spiellokal bringen. In solchen Fällen kann man sein Handy natürlich nicht in Luft auflösen und genau dafür ist die Ausnahmeregel gedacht. Das Handy darf dann – stoßsicher zwischen der Schmutzwäsche – im Koffer aufbewahrt werden, auch wenn dieser mit in den Turniersaal gebracht werden muss. Ach ja, bitte das Ausschalten nicht vergessen!     

Einen schönen Restsommer wünscht Euch Euer Klaus Deventer(kfdeventer@tiscali.de)

Nr. 5: Ablehnung der Remisreklamation [Fideregel: 9.5]

Heute gibt es eine Regelecke „light“ - sozusagen die Ferienausgabe – nämlich eine kurze Nachfrage zum meiner Regelecke (2) in Jugendschach 04/2005:

„Hallo Klaus, danke für Deinen Artikel über die Remisreklamation wegen Stellungswiederholung. Ich glaube, ich habe einiges gelernt. Kannst Du noch verraten, was passiert, wenn der Antrag abgelehnt wird, weil die Stellung noch gar nicht dreimal auf dem Brett war?“

Na klar – kann ich! In Jugendschach 04/2005 habe ich erklärt, wie man regelkonform reklamiert. Nochmal im Telegrammstil: Zug aufschreiben (nur, wenn erst mit dem eigenen Zug die Stellungswiederholung herbeigeführt wird), Uhr anhalten, Schiedsrichter rufen. Der Schiedsrichter muss dann prüfen, ob die dreimalige Stellungswiederholung vorliegt, wenn der Gegner nicht freiwillig ins Remis einwilligt, was in der Praxis häufig geschieht.

Manchmal stellt sich dabei heraus, dass sich der reklamierende Spieler verrechnet hat. Das kann vorkommen. Dass die Partie dann weitergehen muss, ist klar. Übrigens auch nicht ganz so selbstverständlich. Als ich angefangen habe, Turnierschach zu spielen, galt noch, dass die Uhr weiterlief. War zwischenzeitlich die Platte gefallen und stellte der Schiedsrichter dann fest, dass keine Stellungswiederholung vorlag, hatte der Reklamierende eben Pech gehabt. Das empfand man aber als ungerecht, weil dadurch das Partieergebnis davon abhängen konnte, wie lange der Schiedsrichter für die Prüfung der Reklamation braucht und es halt auch umständliche Kollegen gibt. Also hat die FIDE irgendwann entschieden, die Uhr wird angehalten und wenn dann die Partie fortgesetzt werden muss, werden dem Reklamierenden einfach fünf Minuten abgezogen. Wenn dadurch die Platte fällt: Wieder Pech gehabt. Auch das ist Vergangenheit.

Mit fast schon deutscher Gründlichkeit hat man eine hochkomplizierte Regel geschaffen, die ich gar nicht zitieren will, weil sie sich so sperrig liest. Es werden – jedenfalls im Regelfall – beide Uhren umgestellt: Der Gegner bekommt immer drei Minuten dazu. Der Reklamierende bekommt in der Regel drei Minuten abgezogen. Hat er weniger als sechs Minuten auf der Uhr, wird seine Bedenkzeit stattdessen Sekundengenau halbiert. Hat er aber weniger als zwei Minuten und mehr als eine auf der Uhr, muss ihm eine Minute Restbedenkzeit bleiben. Gnade gibt es nur für Spieler, die weniger als eine Minute auf der Uhr haben: Die dürfen ihre Restbedenkzeit vollständig behalten. Alles klar?

Wer besonders aufmerksam mitgedacht hat, wird vielleicht fragen: Was ist mit Spielern, die exakt eine Minute auf der Uhr haben? Die Mathematiker unter den Lesern wird vielleicht interessieren, dass es sich womöglich um einen in den Regeln nicht definierten Bereich handelt. Es werden noch Wetten angenommen!

Wenn alle Rechenoperationen vollzogen und die Uhren entsprechend eingestellt sind, wird die Partie fortgesetzt. Hat der Reklamierende einen Zug auf dem Partieformular notiert, weil er behauptet hat, gerade dadurch werde die dreimalige Stellungswiederholung herbeigeführt, muss dieser Zug jetzt auf dem Brett ausgeführt werden. Dann wird die Uhr des Gegners angedrückt. Hat der Reklamierende stattdessen (zu Unrecht) behauptet, der Gegner selbst habe zum dritten Mal die gleiche Stellung aufs Brett gebracht, dann wird jetzt seine Uhr in Gang gesetzt und er darf jeden beliebigen – natürlich regelgerechten – Zug machen.

Einen schönen Sommer und erholsame Ferientage wünscht Euch Klaus Deventer (kfdeventer@tiscali.de)

Nr. 4: Endspurtphase in Abwesenheit eines Schiedsrichters [Fideregel: 10.2; Anhang D]

Heute möchte ich eine Frage aus Nordrhein-Westfalen beantworten: „Hallo Schachfreund Klaus Deventer, es ist sehr gut, dass Sie in Jugendschach die Regelecke machen. Probleme gibt es bei Wettkämpfen leider immer wieder - und mit der Lektüre von Jugendschach werden wir bestimmt alle ein wenig regelkundiger. Nun meine Frage: Können bei einem (Jugend)mannschaftskampf die beiden Mannschaftsführer, als "Schiedsrichter", in der Endspurtphase ohne Anwesenheit eines "richtigen" Schiedsrichters einem Remisantrag eines Spielers zustimmen oder ablehnen, wenn sie einer Meinung sind? Oder muss unabhängig ihrer Meinung die Partie sofort abgebrochen werden und die Entscheidung von der jeweiligen Turnierleitung bestimmt werden?“

Zur Beantwortung dieser Frage muss ich zunächst auf meinen letzten Beitrag in Jugendschach 05/2005 verweisen. Es müsste nämlich zunächst geprüft werden, ob die anwendbare Turnierordnung dazu Bestimmungen enthält. Da in unteren Klassen und bei Jugendmannschaftskämpfen in der Regel keine neutralen Schiedsrichter eingesetzt werden, wird dort zumindest geregelt sein, wer die Schiedsrichterfunktion ausübt. Weit verbreitet übernimmt dies der Mannschaftsführer der Heimmannschaft oder eben beide Mannschaftsführer gemeinschaftlich. Dass dies schon bei „gewöhnlichen“ Streitfällen zu Problemen führen kann, liegt auf der Hand.

Besonders heikel sind Schiedsrichterentscheidungen in der sogenannten Endspurtphase, der Partiephase nach der letzten Zeitkontrolle, in der alle weiteren Züge innerhalb der noch verbleibenden Zeit ausgeführt werden müssen. Um zu verhindern, dass allein die Uhr entscheidet und nur noch auf Zeit gespielt wird, sehen die FIDE-Regeln vor, dass ein Spieler, der weniger als zwei Minuten auf der Uhr hat, beim Schiedsrichter Remis beantragen darf (Artikel 10.2). Falls der Schiedsrichter davon überzeugt ist, dass der Gegner des Reklamierenden keine Gewinnversuche unternimmt oder die Partie einfach nicht mehr gewonnen werden kann, muss er dem Antrag stattgeben. Die Partie ist dann Remis. Die Einzelheiten werde ich sicherlich einmal in einem gesonderten Artikel darstellen.

Man sieht, in der Endspurtphase kann das Ergebnis der Partie von der Entscheidung des Schiedsrichters abhängen. Wie machtvoll die Stellung des Schiedsrichters ist, wird dadurch unterstrichen, dass die FIDE in diesem Fall keinen Protest zulässt; die Entscheidungen des Schiedsrichters über Remisreklamationen in der Endspurtphase sind endgültig. Es handelt sich um eine Art Tatsachenentscheidung. Was aber, wenn es gar keinen Schiedsrichter vor Ort gibt? Die FIDE hat auch diesen Fall in einem Anhang zu den FIDE-Regeln (Anhang D) bedacht. Die Reklamation (bei weniger als zwei Minuten Bedenkzeit) erfolgt dadurch, dass der Spieler die Uhr anhält und seinem Gegner erklärt, dass er Remis verlangt. Er muss seine Reklamation darauf stützen, dass der Gegner entweder mit normalen Mitteln gar nicht mehr gewinnen kann (Fall 1) oder dieser keine Gewinnversuche unternommen hat (Fall 2). Wenn der Gegner zustimmt, haben sich beide auf Remis geeinigt. Anderenfalls muss der Reklamierende die Endstellung notieren, im Fall 2 ist zusätzlich eine vollständige Partienotation erforderlich. Der Gegner muss die Richtigkeit der Schlussstellung und ggf. der Notation mit seiner Unterschrift bestätigen. Diese Unterlagen werden dann „einem Schiedsrichter“ - wer das ist, sollte in der Turnierordnung geregelt sein -  übergeben, der entscheidet. Anders als im Normalfall (Schiedsrichter vor Ort) hat aber bereits die Reklamation die Partie beendet. Der Schiedsrichter kann somit nur noch entscheiden, ob er dem Remisantrag stattgibt, er kann also nicht „weiterspielen“ anordnen. Falls er nicht Remis gibt, ist die Partie für den Reklamierenden verloren.

Damit ist der Rahmen abgesteckt, um die obige Anfrage zu beantworten. Wenn die Mütter und Väter der Turnierordnung das Problem gesehen haben, dann wird dort geregelt sein, dass der oder die Mannschaftsführer nicht befugt sind, Entscheidungen nach Artikel 10.2 der FIDE-Regeln zu treffen, sondern dass Anhang D der FIDE-Regeln gilt.

Und wenn nicht? Dann haben wir ein Problem. Wenn man die Einsetzung des oder der Mannschaftsführer als Schiedsrichter ernst nimmt, dann müssten sie eigentlich auch befugt und verpflichtet sein, in der Endspurtphase zu entscheiden. Ich sehe aber kaum überwindbare Bedenken: Was, wenn nur der Heimmannschaftsführer entscheidet? Darf er dann wirklich – ohne dass hiergegen Protest möglich wäre – die Reklamation eines Spielers der Gastmannschaft abbügeln? Was, wenn beide Mannschaftsführer entscheiden sollen und sich nicht einigen können? Muss dann die Reklamation mangels Mehrheit zurückgewiesen werden? Meiner Überzeugung nach muss über die Remisreklamation in der Endspurtphase zwingend eine neutrale Instanz entscheiden. Dies entnehme ich dem Sinn und Zweck der Regelung, insbesondere unter Berücksichtigung der besonders starken Stellung des Schiedsrichters während dieser Partiephase. Daraus folgt meiner Meinung nach, dass auch ohne ausdrückliche Anordnung in der Turnierordnung Anhang D der FIDE-Regln gilt Mannschaftsführer sind eben keine „richtigen“ Schiedsrichter im Sinne der FIDE-Regeln, sondern stehen im Lager ihrer Mannschaft. Gilt allerdings Anhang D der FIDE-Regeln, dann kann es nicht darauf ankommen, ob sich die beiden Mannschaftsführer einig sind. Sie sind dann gar nicht befugt, eine Entscheidung zu treffen.

Jetzt kommt der „Haftungsausschluss“: Mir liegen zu der diskutierten Frage keine Entscheidungen von Turniergerichten vor. Ich weise deshalb darauf hin, dass ich nicht dafür garantieren kann, dass nicht der zuständige Spielleiter zu einem anderen Ergebnis kommt. Euer

Klaus Deventer (kfdeventer@tiscali.de)

Nr. 3: Protesteinlegung

Dass die Regelecke Leser hat, zeigt folgende Anfrage aus dem Saarland: 

„Falls die gegnerische Mannschaft bei einer Entscheidung des Turnierleiters Protest einlegt, wie hat der Protest inhaltsmäßig auszusehen und in welcher Form? Was hat der Turnierleiter bei einem Protest zu tun? Bei wem bzw. an wen ist der Protest einzureichen? Wie hat die Stellungnahme des Turnierleiters auszusehen inhaltsmäßig und in welcher Form? Ist der Protest der gegnerischen Mannschaft bzw. die Stellungnahme des Turnierleiters an Ort und Stelle anzufertigen?“

Eine ganze Menge an Fragen, die ich so gar nicht beantworten kann. Es geht nämlich kurz zusammengefasst um das Verfahren bei und nach der Einlegung eines Protestes gegen die Entscheidung eines Turnierleiters. Regelungen dazu finden sich in der Turnierordnung oder Spielordnung der jeweils zuständigen Ebene, also beispielsweise in der Spielordnung der DSJ für die deutschen Jugendmeisterschaften, in der Turnierordnung des Deutschen Schachbundes für dessen Spielbetrieb oder eben in der entsprechenden Ordnung des Saarländischen Schachverbands für seine Ligen. Manchmal existiert ergänzend eine Verfahrensordnung, so hat die DSJ für ihren Bereich gerade eine derartige Rechts- und Verfahrensordnung verabschiedet.  Die Kunst besteht also zunächst einmal darin, die einschlägige Ordnung zu finden. Das klingt komplizierter als es ist, denn man wird fast immer dort fündig werden, wo auch der Spielbetrieb für die entsprechende Liga (Zahl der Mannschaften und Bretter, Auf- und Abstiegsregelungen, Bedenkzeit usw.) geregelt wird. Festzuhalten ist also, dass es keine einheitlichen Verfahrensregeln für die Behandlung von Protest gibt. Insbesondere in den FIDE-Spielregeln wird man vergeblich nach solchen Bestimmungen Ausschau halten.

Hat man die zutreffende Ordnung gefunden, ist zunächst zu prüfen, ob ein Protest überhaupt statthaft ist. Das ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Es gibt durchaus Fallgestaltungen, bei denen der Turnierleiter/Schiedsrichter erste und zugleich letzte Instanz ist. Oft wird das für Blitz- und Schnellschachmeisterschaften angeordnet. Es gibt übrigens auch in den FIDE-Regeln selbst eine derartige Bestimmung: Gegen Entscheidungen des Schiedsrichters über eine Remisreklamation in der sogenannten Endspurtphase (dazu demnächst vielleicht mehr) gibt es kein Rechtsmittel.

Wenn man sich davon überzeugt hat, dass ein Protest (der auch eine andere Bezeichnung, etwa Einspruch oder Berufung, haben kann) gegen die fragliche Entscheidung zugelassen ist, was in der Regel der Fall sein wird, muss man nun nachlesen, in welcher Form dies zu geschehen hat. Meistens wird bestimmt, dass der Protest schriftlich einzulegen ist. Wird dadurch Schriftform vorgeschrieben, muss ein Protestschreiben aufgesetzt und – ganz wichtig – unterschrieben werden. Nach vielen Verfahrensordnungen muss der Protest außerdem begründet werden. In diesem Fall muss das Protestschreiben erkennen lassen, aus welchen Gründen die fragliche Entscheidung angegriffen wird. Schließlich ist oftmals noch eine Gebühr zu bezahlen. Fast immer müssen bestimmte Fristen eingehalten werden. Dabei gilt es aufzupassen: Wenn es in der Turnierordnung heißt, dass der Poststempel zählt, kann man getrost am letzten Tag der Frist das Schreiben bei der Post aufgeben. Fehlt eine derartige Bestimmung, muss man dafür sorgen, dass das Protestschreiben rechtzeitig beim Empfänger eingeht, man muss es also sicherheitshalber wenigstens zwei Tage vor Fristablauf losschicken. Von den Fristen hängt auch ab, ob man noch vor Ort etwas unternehmen muss. Ist der Protest nicht form- oder fristgerecht eingelegt, wird er aus formalen Gründen abgewiesen, ohne dass eine Sachprüfung stattfindet.

Stellt sich somit die weitere Frage, wer Protest einlegen darf und bei wem dies zu geschehen hat. Auch dazu muss man die einschlägigen Ordnungsbestimmungen nachlesen. Logisch ist, dass der oder die unmittelbar (nachteilig) Betroffene protestieren darf, also der Spieler, gegen den sich die Ausgangsentscheidung des Turnierleiters richtete. Bei Mannschaftswettbewerben hat in der Regel außerdem der Mannschaftsführer das Recht, zu protestieren. Ob daneben oder stattdessen auch der Verein des betroffenen Spielers Protest einlegen darf, muss im Einzelfall geklärt werden. Fehlen ausdrückliche Regelungen, wird man dies bei Mannschaftskämpfen wohl bejahen dürfen und bei Einzelwettbewerben verneinen müssen. An wen der Protest zu richten ist, muss man ebenfalls aus den jeweiligen Regeln ableiten. Fast immer kann man dies außerdem dem Rundschreiben des zuständigen Spielleiters zu Beginn der jeweiligen Saison entnehmen. Wenn das nicht ausdrücklich bestimmt wird, genügt es keinesfalls, den Protest beim Turnierleiter/Schiedsrichter einzulegen. Ist dagegen der Spielleiter/Staffelleiter die Stelle, bei der Protest einzulegen ist und bekommt dieser auch den schriftlichen Spielbericht (Ergebnismeldung), dann kann man auf der Spielberichtskarte den Protest vermerken. Die Schriftform wird aber – wie gesagt - nur dadurch gewahrt, dass der Protestführer auch unterschreibt. Die Stelle, bei der Protest einzulegen ist, kann übrigens  auch ein Turniergericht sein und zwar entweder als ständige Einrichtung oder als vor Ort gebildetes Ad-hoc-Gremium. Was der Turnierleiter zu veranlassen hat, wenn Protest eingelegt wird, ist üblicherweise nicht geregelt. Man wird unterscheiden müssen, ob der Turnierleiter zugleich der Mannschaftsführer der Heimmannschaft ist, wie dies in unteren Ligen meistens der Fall ist oder ob es sich um einen neutralen Schiedsrichter handelt. Im ersten Fall wird man vom Turnierleiter allenfalls erwarten müssen, dass er einen Vermerk auf dem Spielbericht macht. Die Protestinstanz wird dann in der Regel von sich aus den Turnierleiter – und den gegnerischen Mannschaftsführer – anschreiben und um weitere Informationen bitten. Von einem neutralen Schiedsrichter wird man natürlich mehr erwarten dürfen, etwa einen ausführlichen Bericht und falls nötig und möglich die Sicherung von Beweisen (Partieformulare, Zeugenaussagen etc.). Ich hoffe, dass ich damit eine erste Orientierung geben konnte, wie bei Protesten zu verfahren ist. Abschließend weise ich nochmals darauf hin, dass ich konkrete – auf den Einzelfall bezogene - Antworten nur geben könnte anhand der einschlägigen Ordnungsbestimmungen, die mir natürlich nicht alle vorliegen. Da die Regelecke aber nicht dazu gedacht ist, in womöglich noch schwebende Verfahren einzugreifen, sollen die allgemeinen Auskünfte erst einmal genügen.

Euer Klaus Deventer

Nr. 2: Reklamation dreimalige Stellungswiederholung [Fideregel: 9.2; 9.4; 9.5]

Liebe Jugendschachleser,

in der letzten Ausgabe von Jugendschach habe ich meine Regelecke mit einem Bericht über die neuesten FIDE-Regeln eröffnet. Da zwischen Erscheinen eines Jugendschachheftes und Redaktionsschluss für das nächste Heft nur wenig Zeit bleibt, sind bei mir noch keine Regelfragen eingegangen. Hier also noch einmal die Bitte, Zuschriften, Beiträge, Kommentare und Fragen rund um das Thema Schachregeln an die Redaktion zu senden, oder mir direkt an die Adresse kfdeventer@tiscali.de zuzumailen.

Was also tun? Eine mahnende leere Seite abdrucken? Natürlich nicht! Ich möchte vielmehr auf eine Frage zurückgreifen, die mir ein Schachfreund vor einiger Zeit in einem Gespräch gestellt hat. Er wollte von mir wissen, ob es nach meiner Erfahrung wichtige Regelbestimmungen gibt, gegen die häufig verstoßen wird. Dazu sind mir mehrere Beispiele eingefallen. Für die Regelecke möchte ich eines davon aufgreifen, das sich dadurch auszeichnet, dass hier Regelunkenntnis schon manchen halben Punkt gekostet hat.

Ich meine die Remisreklamation nach dreimaliger Stellungswiederholung. Fast alle Spieler wissen noch, dass man dann remis beanspruchen kann. Entscheidend ist, dass drei Mal die gleiche Stellung auf dem Schachbrett entstanden ist oder dadurch entstehen würde, dass der reklamierende Spieler seinen nächsten Zug ausführt. Die Stellung ist übrigens nur gleich, wenn immer derselbe Spieler am Zug war und sich auch die Zugmöglichkeiten nicht geändert haben, was bei der Möglichkeit, einen Bauern en passant zu schlagen oder beim Verlust des Rochaderechts von Bedeutung ist. Wie ich kürzlich einer Weltklassespielerin erklären musste, kommt es nicht darauf an, durch welche Zugfolge die Stellungswiederholung entstanden ist (Die Spielerin meinte, es müsse doch einen Unterschied machen, dass bei den ersten beiden Malen ihr König von f8 nach g8 gezogen habe, während er zuletzt über g7, h7 und h8 nach g8 zurückgewandert sei. Es war nicht ganz einfach, sie von ihrem Irrtum zu überzeugen). Es kommt auch nicht darauf an, dass in direkter Folge die Züge wiederholt werden. Theoretisch könnte die gleiche Stellung auch im 20., 40. und 60. Zug auf Brett kommen; auch dann darf man remis reklamieren.

Wie macht man das aber, remis reklamieren? Man macht es jedenfalls nicht - was ich immer wieder erlebe - indem man seinem Gegner oder einem imaginären Punkt im Turniersaal zuruft: „Die Partie ist doch remis!“. Vielleicht hat man Glück und der Gegner antwortet: „Na gut, remis!“. Vielleicht erbarmt sich auch der Schiedsrichter und erklärt, was zu machen ist. Genauso gut möglich ist aber, dass sich gar nicht tut. Noch viel schlimmer ist es, einen Zug zu machen, um sich danach auf die Suche nach dem Schiedsrichter zu begeben, um diesen von der Stellungswiederholung zu überzeugen. Viele Spieler wissen leider nicht, dass sie ihr Reklamationsrecht verlieren, sobald sie gezogen haben. Reklamieren darf nämlich nur, wer am Zug ist!

Dabei ist es ganz einfach! Der Spieler, der remis reklamieren möchte, muss zunächst unterscheiden: Hat der Gegner soeben einen Zug gemacht, der zum dritten Mal die gleiche Stellung herbeigeführt hat (Fall 1) oder kann er selbst durch seinen nächsten Zug die Stellung wiederholen (Fall 2)? In diesem zweiten Fall ist die Stellung noch nicht zum dritten Mal auf dem Brett, sondern soll erst mit dem nächsten Zug entstehen. Ausgeführt werden darf dieser Zug nicht, denn dann wäre ja wieder der Gegner am Zug! Die Regeln verlangen deshalb, dass der Zug, der eine Stellungswiederholung herbeiführt (Fall 2) nur auf dem Partieformular eingetragen wird. Übrigens: Das gilt auch in Zeitnot, wenn die Züge davor gar nicht mehr mitgeschrieben wurden! Die Remisreklamation hängt nicht davon ab, dass eine eigene vollständige Partiemitschrift vorliegt.

Als nächstes muss der Spieler, der reklamieren möchte, seine Uhr anhalten. Achtung: Manche Schiedsrichter sind da sehr formal und prüfen eine Remisreklamation nur dann, wenn das geschehen ist. Ist die Uhr abgestellt, kann der Reklamierende den Schiedsrichter holen, wenn der nicht schon von alleine aufgetaucht ist. Dem kann er erklären, dass gerade der Gegner zum dritten Mal die gleiche Stellung herbeigeführt hat (Fall 1) oder dass er selbst einen solchen Zug machen möchte (Fall 2). Der Schiedsrichter wird sich davon überzeugen, ob im Fall 2 der beabsichtigte Zug auch auf dem Partiezettel steht und dann den Gegner fragen, ob der ins Remis einwilligt, weil die Reklamation nämlich zugleich ein Remisangebot darstellt. Lehnt der Gegner ab, wird der Schiedsrichter sich die Stellung notieren und die Reklamation prüfen. Oft wird es notwendig sein, die Partie auf einem freien Brett nachzuspielen. Daran müssen beide Spieler mitwirken und der Gegner muss sein Partieformular - falls erforderlich - zur Verfügung stellen.

Sobald der Schiedsrichter festgestellt hat, dass eine dreimalige Stellungswiederholung vorliegt, wird er die Partei für remis erklären und schon ist der halbe Punkt unter Dach und Fach! Ist doch nicht schwer, oder?

Klaus Deventer

Nr. 1: Die neuen FIDE-Regeln (1.7.2005), Handyklingeln, Verbot der Voraus-Notation [Fideregel: 12.2 b; 8.1]

Neues vom Weltschachbund

Aller Anfang ist schwer! Womit soll man eine neue Regelecke eröffnen? Künftig sollen natürlich Regelfragen der Leser diskutiert werden. Die liegen natürlich heute noch nicht vor. Ich habe mich daher entschlossen, in meinem ersten Beitrag kurz die wichtigsten Neuerungen in den FIDE-Regeln vorzustellen und hoffe, dass damit das Interesse an den angeblich trockenen Regeln geweckt wird. Zuschriften, Beiträge und Fragen bitte ich, an die Redaktion zu senden oder mir per E-Mail – kfdeventer@tiscali.de -  direkt zu schicken.

Alle vier Jahre berät der Weltschachbund FIDE über die Schachregeln und prüft, ob Änderungen und Verbesserungen notwendig geworden sind. Vergangenen Herbst war es wieder soweit: Sechs Stunden hat die Regelkommission der FIDE gefeilt, geprüft und formuliert. Herausgekommen sind die neuen Regeln, gültig ab dem 1. Juli 2005. Natürlich hat das Schachbrett weiterhin 64 Felder und der Läufer zieht immer noch diagonal.

Geändert wurden ganz überwiegend Kleinigkeiten, die keine große praktische Bedeutung haben und eher etwas für Regelfüchse sind. So wurde jetzt klarstellend in die Regeln aufgenommen, dass der König nicht geschlagen werden darf. Bei der Bauernumwandlung gilt jetzt die „Berührt-Geführt-Regel“, sobald die neue Figur das Umwandlungsfeld berührt hat.

Wirklich wichtig sind vor allem zwei Änderungen, von denen eine nicht einmal richtig neu ist:

Die Bestimmung, dass ein Spieler, dessen Handy während der Partie klingelt, die Partie verliert, ist jetzt ausdrücklich in die Regeln aufgenommen worden. Dies galt zwar bisher schon, beruhte bis jetzt aber auf einer bloßen Regelauslegung (Verbot, den Gegner zu stören). Übrigens: Auch wenn das Handy am Getränkestand, in der Raucherecke oder gar auf der Toilette klingelt – die Partie ist verloren! Zugegeben, eine sehr harte Strafe, aber es war einfach nervtötend, alle zwei Minuten im Turniersaal sich an einem neuen Klingelton „erfreuen“ zu dürfen. Seit es vor zwei Jahren keinen geringeren, als den damaligen Weltmeister Ponormarjov erwischt hat, ist wieder Ruhe in die Turniersäle eingekehrt und das ist gut so!

Es geht der FIDE aber nicht nur darum, Störungen zu verhindern. Seit die Elektronik immer kleiner und immer schlauer wird und seit im Internet in Echtzeit Turnierpartien übertragen werden, haben die Betrugsmöglichkeiten enorm zugenommen. Deshalb verbieten die neuen Regeln bereits das Mitbringen von Mobiltelefonen in den Turnierbereich. Das gilt selbst dann, wenn das Gerät abgeschaltet ist. Ein Verstoß dagegen führt zwar – anders als beim klingelnden Handy - nicht ohne weiteres zum Partieverlust, kann aber auch bestraft werden. Deshalb mein dringender Rat: Handys bitte zu Hause oder im Hotelzimmer lassen! Das gilt übrigens auch für Zuschauer, denn nach den neuen Regeln ist auch ihnen verboten, Handy im Turniersaal zu benutzen.

Umstellen müssen sich alle Spielerinnen und Spieler, die sich daran gewöhnt haben, ihren Zug erst aufzuschreiben, um ihn dann vor seiner Ausführung noch einmal gründlich zu prüfen. Das ist ab dem 1.7. verboten – erst muss der Zug aufgeführt werden, dann darf (und muss) er auf dem Notationsformular eingetragen werden. Auch alle Trainer, die ihren Schützlingen das bisher anders beigebracht haben, um sie davon abzuhalten, vorschnell zu ziehen, müssen umdenken. Persönlich halte ich wenig von dieser Neuerung, die damit begründet wurde, dass es schließlich verboten sei, unzulässige Hilfsmittel - dazu zählen auch eigene Notizen – zu verwenden und dass manche Partieformulare nach zahllosen Änderungen eher einem Schlachtfeld ähneln. Sicherlich werden die Schiedsrichter einem Spieler, der dagegen verstößt, nicht gleich den Kopf abreißen. Trotzdem kann es nicht schaden, die Regeln zu kennen und sie einzuhalten.

Klaus Deventer

Internationaler Schiedsrichter  

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